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Bergische Gastronomie  

- Raststätten an Fuhrstraßen - 
"Bierzappen und Herberg Halden"

Mehr als 50 Gastwirtschaften gab es im alten Wipperfürth, wahrscheinlich ein Rekord, wenn man an die geringe Zahl der Einwohner denkt. Die große Zahl der Wirtschaften an den Straßen, Gassen und Plätzen im alten Wipperfürth kann jedoch nicht den Schluß zulassen, dass die Wipperfürther einst und jetzt mit durstigeren Kehlen geboren wurden und werden als andere Leute.
Die große Zahl der "Raststätten" in den Schieferhäusern am Markt, an den drei Hauptstraßen, in der Klosterstraße oder auch vor der Stadt waren einfach eine Notwendigkeit. So wie Wipperfürth im "ersten Verkehrszeitalter" der Postkutschen und Pferdekarren allgemeine Bedeutung als Umschlagplatz erhielt, so musste im gleichen Maße für Rast und Obdach für Reisende und Fuhrleute gesorgt werden. Die Besonderheiten der technischen Verkehrsmittel jener Zeit verlangten nun einmal eine lange und ausgiebige Rast. Zumeist blieb man in Wipperfürth über Nacht, um das letzte Stück zum Reiseziel am Rhein in etwa ausgeruht am anderen Morgen bewältigen zu können. Der Ruf und auch die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt lagen also zu einem großen Teil bei den Wirten.

Bereits 1454, so heißt es in einem alten Bericht, gibt es einen Konzessionszwang in Wipperfürth. Nur den konzessionierten Wirten war das "Bierzappen und Herberg halden" gestattet. Die Wirte in der Stadt besaßen das Vorrecht, ihr Bier selber brauen zu dürfen. Der Pächter des Rathauses genoß besondere Vorrechte. Im Rathaus gab es eine Braustube, die allen "braulustigen" Bürger zur Verfügung stand. Die Ratsstube selbst stand für größere Familienfestlichkeiten, zum Beispiel für Hochzeiten, zur Verfügung. Nach einer Urkunde musste der Pächter des "Ratskellers" jener Zeit 100 Krüge und in ausreichender Zahl hölzerne Schüsseln und Becher vorrätig haben. Auch Schnaps wurde in den Mauern der Stadt gebrannt. Die einheimische Produktion wurde am Stadttor gegen Einfuhr durch sogenannte Accisen (Steuern) geschützt.

Damals wie heute waren die Gastwirtschaften eine Stätte der Gesellschaft, eine "Nachrichtenbörse" und ein Ort, an dem jeder nach seiner Veranlagung Zuhörer oder Akteur sein konnte. Zahllos sind die Schwänke, die über Wipperfürths Originale, zumeist beim abendlichen "Vertällchen" am Stammtisch geboren, hier berichtet werden. Die originellen Namen der Gastwirtschaften würden mit ihrer Deutung schon fast ein Buch füllen. Man kennt den "Sternshof", die "Herberge zur Heimat", den "Adler". Viele Bürgerhäuser an den Hauptstraßen hatten kurzerhand eine gute Stube als Wirtsstube eingerichtet. Eine der letzten originellen Wirtschaften des alten Schlages, dazu noch in der Person des Besitzers, war die Gaststätte Baumbicker in der Marktstraße.

In der napoleonischen Zeit wurde die gestrenge Standesamtsordnung eingeführt. Neugebohrene Kinder mußten dem Standesbeamten "zwecks Feststellung des Geschlechts" vorgeführt werden. Man wird sich das so vorstellen müssen, dass der Pate oder die Hebamme, die das Kind aufs Rathaus trug, das neugeborene Knäblein oder Mägdelein aus den Windeln zu wickeln hatte. Alles musste halt seine Ordnung haben. Von einer solchen Vorführung wird berichtet, dass Pate und Hebamme mit dem Kind nach der hochnotpeinlichen Prozedur beim Meldeamt in der Gastwirtschaft Baumbicker einkehrten und von dem aus Freude über den Stammhalter gespendeten Getränke derart konfus wurden, dass sie beim Aufbruch das Kind auf einer Bank in der Gaststube liegen ließen.