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Geborenes Mitglied der Hanse  

Wipperfürth als Handelsplatz

Infolge der günstigen Lage entwickelte sich Wipperfürth bald selbst zu einem Handelsplatz. Aus dem frühen Tauschhandel bildete sich bald der Fernhandel, und zwar zunächst in Verbindung mit Kölner Kaufleuten. Auf dem Wege über Köln kam der Händler aus Wipperfürth nach England, wie in hansischen Urkunden nachzulesen ist. Darüber hinaus trieb die Stadt Handel mit allen Ländern des Ostseeraumes einschließlich Russland sowie denen Südeuropas.

Sie war „geborenes“ Mitglied und besaß Sitz und Stimme in der Kaufmannsvereinigung des Stahlhofs in London.

Hierzu waren nur Städte berechtigt, deren Kaufleute seit alters her mit Engländern Handel trieben und unter besonderem Schutz des englischen Königs standen. Umgekehrt besaßen fremde Händler in Wipperfürth ihre Niederlassungen. So berichtet uns das Hansische Urkundenbuch, dass ein Johannes von Reval 1344 eine Geschäftsfiliale in der Stadt besaß.

1345 befahl König Eduard III von England dem Amtmann zu Boston, dem Tidemann Spicenas aus Wipperfürth, die zurückgehaltenen Waren freizugeben. Ein Alverus Wipperfort schloss mit dem Bürgermeister von Stockholm einen Handelsvertrag (1380). 1431 besaß die Stadt in Nowgorod eine eigene Handelsniederlassung, ein Haus „Wippervorde“. Zu der Zeit war Wipperfürth bereits 60 Jahre Münzstätte. Ihre Kaufleute waren immerhin so einflussreich, dass ein Johannes de Wippervorde im Auftrag des Herzogs von Burgund über „laken und doecher“ Kölner Kaufleute in der Beventer Schelde Arrest verhängen konnte, der erst 1462 aufgehoben wurde.

Laken und Tücher waren auch Haupthandelsgüter und die hauptsächlichsten Industrieerzeugnisse der Stadt Wipperfürth. Sie sind es bis ins 19. Jahrhundert geblieben. Um 1620 besaß die Stadt ein Stapelhaus in dem früheren "Stadelhof" des Kölner Bischofs, in dem vornehmlich Tuche zum Verkauf kamen. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts gab es auch bereits Teppichweber in der Stadt.

Spätere Urkunden sprechen immer wieder von Wipperfürther Kaufleuten und ihren "Waren", doch um welche es sich handelt, wird nicht erwähnt. Ein solch ausgedehnter Handel konnte nur auf industrieller Basis beruhen.

Die Hansestadt Wipperfürth

Die Hanse des Mittelalters war zunächst ein Zusammenschluß von deutschen Kaufleuten, die außerhalb des Deutschen Reiches Handel trieben und bestimmte, nur für sie gültige Vergünstigungen – damals Privilegien genannt – von den fremden Städten und Fürsten erhielten. Im Laufe des 14. Jahrhunderts übernahmen dann die Heimatstädte der Kaufleute die Sorge für Erhalt und Verteidigung der Privilegien und für die ganze Handelspolitik ihrer Kaufleute. So erschien die Hanse als ein Bund von Städten. Jedoch hat dieser Bund weder Verfassung noch Satzung gehabt, führte keine Mitgliedslisten und erhob keine Beiträge. Jede Stadt, die sich zu den Treffen einstellte und zugelassen wurde, war eine Hansestadt, und ebenso waren alle Kaufleute, die in den ausländischen Stützpunkten unter dem Schutz der hansischen Privilegien arbeiteten, hansische Kaufleute, aus welcher Stadt sie auch kamen.

Für Wipperfürth, am Rande des hansischen Wirtschaftsraums, aber an der Straße zwischen den bedeutenden Hansestädten Köln und Dortmund gelegen, lässt sich der Status „Hansestadt“ vor allem durch seine Kaufleute belegen.
Der Name Wipperfürth begegnet in der hansischen Geschichte zum ersten mal mit dem Kaufmann Arnold von Wipperfürth, der 1251 Mitglied des Kölner Stalhofs in London ist. Sein Heimatort kann Wipperfürth selbst, ebenso gut aber auch Köln gewesen sein, denn dort gab es eine Familie mit Namen Wipperfürth.. Ein Jahrhundert später können wir genauer unterscheiden.

1344 kaufte ein „Tyro genannt von dem Walde von Wipperfürth“ ein Haus in Köln. In diesem Fall kann man „Wipperfürth“ als die Herkunftsbezeichnung und „von dem Walde“ als Familiennamen erkennen, da im 14 Jahrhundert Familiennamen immer häufiger werden. Tyro hatte noch zwei Brüder Gottschalk und Johannes. Alle drei arbeiteten in England und in Brügge in den Niederlanden hauptsächlich im Export von englischer Wolle. Dieser auf dem Kontinent sehr begehrte Rohstoff zur Produktion von Tuch wurde von hansischen Kaufleuten in England aufgekauft und über Brügge nach Mittel- und Nordosteuropa exportiert. Das Geschäft lief so gut, dass die Brüder von dem Walde ihre Geschäftsfelder ausdehnten. Sie beteiligten sich an den Darlehen an den englischen König Eduard III., die dieser in den Jahren 1338 bis 1350 für seinen Krieg gegen Frankreich bei deutschen Kaufleuten der Hanse aufnahm. Da Zinsnehmen von der Kirche missbilligt wurde, realisierte der Gewinn der Darlehensgeber sich im Geldwechsel und in königlichen Vergünstigungen in England. Diese konnten aus dem Nachlass von Steuern bestehen, aber auch in der Verleihung von Bergwerken oder Einkaufsmonopolen auf Zeit in bestimmten Regionen. 1343 verpfändete der König sogar seine große Krone als Sicherheit für ein Darlehen in Höhe von 45.000 Pfund.

Die Gebrüder von dem Walde stemmten solche Kreditgeschäfte aber nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit anderen hansischen Kaufleuten. Man kennt zwar längst nicht die Heimat aller Kaufleute, aber eine Gruppe von überwiegend aus Dortmund stammenden Kaufleuten kann man ausmachen. Ihr schlossen sich die von dem Walde bevorzugt an, arbeiteten aber auch mit Lübeckern, Kölnern und Händlern aus Attendorn im Sauerland zusammen. Die Kreditgeschäfte mit dem König bilden innerhalb der Geschichte der Hanse in England eine besondere, zwar kurze, aber unvergleichliche Epoche. Ungefähr an ihrem Ende steht der eingangs erwähnte Hauskauf des Tyro in Köln. Man darf annehmen, dss die Gebrüder von dem Walde sich zur Ruhe setzten und die Gewinne in Immobilien in der damals größten Stadt der Hanse und Deutschlands investierten. Nachweislich hat Tyro das Anwesen „Zur Pforte“ in der Johannisstraße für seine Geschwister und deren Nachkommen gekauft, doch fiel es schließlich an ihn selbst zurück, der anscheinend kinderlos war.1353 verkaufte Tyro Einkünfte aus Grundstücken in Wipperfürth an den dortigen Kirchherren, das Kölner Stift St. Aposteln. Tyro scheint sich ganz nach Köln zurückgezogen zu haben, wo er 1359 dann auch das Bürgerrecht erwarb. Bei dem Hospital Allerheiligen wurde er seit 1372 einer der ehrenamtlichen Verwalter, vermutlich deshalb, weil er dort alte Freunde traf. Denn das Hospital war 1308 von der Familie Revele gestiftet worden, wurde auch immer noch von ihr verwaltet, und. die Reveles gehörten wie die von dem Walde zu den Hansekaufleuten in England, die dem König mit Darlehen unter die Arme gegriffen hatten. Engagierte sich Tyro bei dem Allerheiligen-Hospital mit seiner Arbeitskraft und seinen Verwaltungserfahrungen, so bedachte er andere fromme Einrichtungen mit außerordentlich hohen Geldbeträgen. Das Kölner Kartäuserkloster St. Barbara dokumentierte seine Wohltäter sehr sorgfältig, so dass wir noch heute genau darüber unterrichtet sind. Tyro von dem Walde zählte danach zu den wichtigsten Wohltätern in der zweiten Hälfte des 14. Jh. Er spendete insgesamt an Geld und Naturalien fast 3000 Mark – ein Betrag, den wir nach heutigen Maßstäben sechsstellig nennen dürfen. Da er auch sein Grab in diesem Kloster wählte, ist er an seinem Todestag, den 19. Okt. 1383, mit vollem Namen „Herr Tyro von Walde aus Wipperfürth“ in der Klosterchronik verewigt worden. Tyro war aber auch bei diesem Kloster nicht der einzige Wohltäter aus dem Kreis der Hanse. Mehr als ein Dutzend Hansekaufleute, meist aus Dortmund und sicher größtenteils alte Bekannte aus den Zeiten der Woll- und Darlehensgeschäfte in England, lassen sich nachweisen, unter ihnen einer der berühmtesten Hansekaufleute überhaupt: Tidemann Lemberg aus Dortmund, später in Köln.

Das Leben des Tyro aus Wipperfürth lässt sich wegen der guten Überlieferung, die der Bedeutung seiner Geschäfte, dem Gewicht seiner Beziehungen und seinem sozialen Umfeld zu verdanken ist, so deutlich nachzeichnen wie selten im Mittelalter. Er dürfte nur „die Spitze des Eisbergs“ bilden, will sagen: es gab sicher noch mehr Kaufleute aus Wipperfürth, die innerhalb der Hanse tätig waren, die aber nicht so hoch aufstiegen wie Tyro und die deshalb das Dunkel der Vergangenheit deckt.

Auch zur Blütezeit der Hanse im 14. und 15. Jh. war ihr selbst das Problem bekannt, dass es Hansestädte gab, die sich auch innerhalb der Hanse als solche kaum zu erkennen gaben. Es waren das die sogenannten „kleinen Städte in der Hanse“ – der Begriff ist damals geprägt worden. Sie besuchten so gut wie nie eine hansische Versammlung, Tagfahrt genannt, ihre Kaufleute gingen aber in den ausländischen Niederlassungen der Hanse unter dem Schutze der hansischen Privilegien ihren Geschäften nach wie die Bürger der bekannten Städte. Die Tagfahrten, die von Vertretern der Städte - Mitgliedern des Stadtrates und der Verwaltung – beschickt wurden, drängten auf ein festes Kriterium für die Nutzung der hansischen Vergünstigungen, der internen – der Nutzung der Kontore, wie der externen – der Privilegien gegenüber Kaufleuten anderer Herkunft. So stellten die Tagfahrten wiederholt den Grundsatz auf, jeder Hansekaufmann müsse Bürger einer Hansestadt sein. Da aber nirgends verbindlich festgelegt war, welche Stadt eine Hansestadt war, half dieser Satz vor Ort in den Kontoren im Ausland wenig. Dort hielt man sich nicht dran, sondern nahm den auf, der „ein guter Geselle“ war, gleich ob er „aus Dörfern oder Schlössern“ käme. So weit man heute weiß, ist die Kluft zwischen Regel und geübter Praxis nie ausgeglichen worden.

Wipperfürth gehörte offenkundig zu diesen „kleinen Städten“, denn es hat nie eine hansische Tagfahrt besucht. Dennoch hat die Stadt am 8. Sept. 1469 eine Urkunde ausgestellt und besiegelt, in der sie folgende Erklärung abgibt: sie, die Stadt Wipperfürth, sei nicht überzeugt, daß die Artikel, die die Verpflichtung zur Schoßzahlung beinhalteten, von allen Hansestädten einmütig beschlossen worden seien, sie habe jedenfalls solche Beschlüsse nicht bewilligt. Der etwas rätselhafte Text erklärt sich aus Wipperfürths Verhältnis zu Köln. Die Stadt Köln kämpfte damals gegen die Mehrheit der Hanse um eine Befreiung vom Schoß – einer Art Umlage – und holte von benachbarten und befreundeten Städten Zeugnisse für ihren Rechtsstandpunkt ein. Ratingen, Düsseldorf und Lennep haben ebenfalls Urkunden ausgestellt, deren Text mit der Wipperfürther Urkunde wörtlich übereinstimmt. Deshalb ist diese Urkunde nicht der Beweis für Wipperfürths Hansezugehörigkeit, sondern ist punktgenau in einer bestimmten Situation zu einem eng begrenzten Zweck gefertigt worden: sie ist eine Gefälligkeit gegenüber der großen Metropole Köln. Jedoch hat Köln den Urkundentext sicher nicht wahllos in die Städte der Nachbarschaft geschickt. Auch wenn man sich in Köln im Jahre 1469 nicht mehr des Kölner Bürgers Tyro aus Wipperfürth von 1359 erinnerte, so wusste man doch, dass immer wieder Kaufleute aus Wipperfürth und anderen bergischen Städten als hansische Kaufleute tätig wurden. Wie wir heute aus vergleichbaren Fällen, vor allem in Westfalen, schließen können, sind die bergischen Händler in den hansischen Kontoren zu den Kölnern gerechnet worden. Hundert Jahre früher, zur Zeit Tyros, hat vermutlich auch Dortmund ähnliche Funktionen für die Wipperfürther übernommen.

Es gibt noch mehr Hinweise, die auf Wipperfürth als Hansestadt hindeuten. Das Leben des Wipperfürthers Tyro von dem Walde und die Urkunde von 1469, auch wenn sie eine Unrichtigkeit enthält, liefern in der Zusammenschau die deutlichsten Beweise.

Joachim Deeters, Köln

Dieser Text ist in ausführlicherer Form und mit wissenschaftlichen Nachweisen erschienen in der Zeitschrift: Hansische Geschichtsblätter 125 (2007) S. 63-76.