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Reisebericht von J. P. Domer  

Wo sich die Wupper als Wipper überqueren lässt
Urlaub mit Jeans
Ferienziele für Daheimgebliebene

Mit der Hanse hatte die älteste Stadt im Oberbergischen nur vorübergehend Glück.

Das ist Spitze! Zwei, drei Gaststätten, eine Wurstbraterei und vor allem eine Straßenkreuzung prägen diesen kleinen Ort im Bergischen Land. Ich befinde mich auf der Durchreise, denn heute will ich die Talsperrenlandschaft an einem Fluss mit zwei Namen erkunden. Vor Wipperfürth heißt die Wupper Wipper, dahinter nennt man die Wipper Wupper. Den Grund nannte mir ein alter Wuppertaler: "Wo sie noch nicht industriell genutzt wird, trägt die Wupper ihren Mädchennamen".

Bis zuletzt war ich im Zweifel, ob dieses Zielgebiet besser erfahren, erstrampelt, erlaufen oder kombiniert durchstreift werden sollte. Für die Mitnahme eines Drahtesels spricht der Kompass-Radwanderführer: "Eine abwechslungsreiche Tour führt über Unternien und Niederklüppelberg nach Wipperfürth zurück. Je nach Lust und Beinkraft dauerte sie 3,5 bis 5 Stunden.

Am schnellstens per Auto und zu Fuß.

Doch letztlich überzeugte die Kombination aus Autoreifen und Fußsohlen. Um an einem Tag das attraktive Erholungsgebiet möglichst vielfältig zu erleben, lege ich die An- und Abreise motorisiert zurück. Ohne zu rasen, ist so die Strecke Köln – Wipperfürth in einer knappen Stunde zu schaffen.

Sie beginnt auf der A 4 Richtung Olpe, führt bis zu Abfahrt Bergisch Gladbach-Moitzfeld und verläuft dann über Ball, Spitze, Miebach, Sülze, Kürten, Nassenstein und Ahe landschaftlich schön nach Wipperfürth.

Die Talsperrenlandschaft im Quellgebiet der Wupper setzt sich zusammen aus der Wuppertalsperre, dem Kerspe-Stausee, der Lingesetalsperre, dem Brucher-Stausee und entfernter der Genkel- und der Aggertalsperre. Näher liegt die Schevelingertalsperre. Und noch näher meine Ziele, die „eidechsenförmigen“ Bever- und Neyetalsperren.

Wipperfürth lasse ich vorerst rechts liegen und fahre über Neye nach Niederröttenscheid. Kurz darauf lockt der Gasthof von Oberröttenscheid. Doch weil der Ausflug erst begonnen hat, begnüge ich mich mit einer Erkenntnis: „Während in Eifel, Hunsrück und Taunus unsere Vorfahren entlang der Täler siedelten, zog es sie hier zu den Höhenwegen und Wasserscheiden.

Die nächste Straße links rein und schon blitzt Wasser durch die Bäume. Am anderen Ufer der Bevertalsperre rasten Bootswanderer. Sie nutzen ein ausgedehntes Revier, denn der 1897/98 gestaute See bildet mit 23,7 Millionen Kubikmetern Wasser eine 200 ha weite Fläche. Wie alle hiesigen Talsperren dient die Bever zum Regulieren der Wupper und vor allem als Hochwasserschutz.

Über die 90-jährige, inzwischen dicht bebuschte Maurerkrone fahre ich zu einem Parkplatz, der nur bei viel Andrang gebührenpflichtig ist. Heute morgen herrschte noch weitgehend Ruhe, selbst das nahe Lokal mit dem urigen Namen wirkt verschlafen. „Zur zornigen Ameise“ heißt es wegen seiner Waldrandlage, die bei den „Ureinwohnern“ zeitweise auf Protest stieß.

So erzählt mir jedenfalls die Bedienung, während ich mich zwischen einem Kännchen Kaffee, Tee oder Schokolade, Bockwurst mit Kartoffelsalat, Hausplatte und Sahnetorten entscheiden muss.

Der Ausblick ist beeindruckend, die Erholung unterschiedlich. Wer möchte, kann sich ein Ruder- oder Tretboot mieten oder Angeln. Das natürliche Strandbad liegt in einer Bucht mit schattiger Liegewiese, Papierkörben und WC-Einrichtungen. Segelboote und Campingplätze vervollständigen das gewachsene Ambiente.

Auch wenn hier wie überall in der Talsperrenlandschaft ein dichtes Wandernetz ausgeschildert ist, mich zieht es hinüber zur Neyetalsperre. Um Neues zu sehen, fahre ich im Bogen an Hückeswagen vorbei und durch Neye wieder zurück nach Wipperfürth. Unterwegs überholt mich ein Sportflugzeug; ein Rundflug wäre nicht schlecht.

In Wipperfürth biege ich links ab in die Königsberger Straße und fahre über Ommer bis zu einem malerischen Schild, das die Neyetalsperre nebst dem beliebten Ausflugslokal Großblumberg empfiehlt. Der Wagen bleibt stehen und ich begebe mich auf einen etwa acht Kilometer langen Rundweg. Rechts die Talsperre, links der Mischwald und Vogelgezwitscher im Ohr – selbst bei schlechtem Wetter kann man sich hier die Beine vertreten.

Das angenehme mit dem Nützlichen hat die kleine Neyetalsperre tatsächlich verbunden. 1908/09 errichtet, fasst sie auf rund 68 ha sechs Millionen Kubikmeter Trinkwasser (Baden verboten!). Wie gemalt wirken der seichte Saum aus Buchen, Eichen, Tannen, Erlen, die geschwungene Mauerkrone mit dem Blick auf eine dekorativ olazierte Wasserfontäne.

Zurück in Großblumberg gerate ich in eine vergnügte Gruppe französischer Feuerwehrmänner. Sie kommen aus der Partnerstadt Surgeres.

Drinnen wie draußen bietet das leider nur an Wochenenden und Feiertagen geöffnete Lokal eine knuffige Atmosphäre. Hausgemachter Apfelstreusel, gemischtes Sahneeis und Preiselbeeren auf Reiswaffeln werden angeboten. Die Balken hängen tief, der Kachelofen teilt die Stube und die junge Serviererin trägt Schmuck an der Nase.

Doch es wird Zeit für die älteste Stadt des Oberbergischen. Schon im siebten Jahrhundert siedelten Familien an der Furt über die Wipper/Wupper. Sie wurde gebildet aus dem Geröll der zufließenden Bäche.

Richtigen Schwung brachte jedoch erst der Kölner Erzbischof Graf Engelbert von Berg nach Wipperfürth. 1217 verlieh er dem aufstrebenden Ort an der Kreuzung zwischen den Heerstraßen von Köln nach Westfalen und der „Eisenstraße“ vom Siegerland nach Solingen die Stadtrechte.

Damit waren die Neustädter von Abgaben und Lasten befreit. Ab 1275 durften sie sogar Münzen prägen. Höhepunkt aber wurde die Mitgliedschaft in der Hanse, der Europäischen Gemeinschaft des Mittelalters.

Leider bescherte die geographische Lage Wipperfürth auch ein trauriges Schicksal. So gut der Handel mit Glocken, Filzhüten, Gewerbeprodukten und Websachen bis ins 17. Jahrhundert lief, so verheerend wirkten sich Erbfolgequerelen der Landesherren und die kriegerische Großwetterlage aus. Dazu kamen acht Brände, die die enge Stadt in Schutt und Asche legten. Zuletzt 1795.

Fast noch schlimmer kam die fleißige Stadt im letzten Jahrhundert unter die Räder. Während die Eisenbahn andernorts für Betrieb sorgte, schob sie das alte Zentrum ins Abseits.

Zum Pech für unserer Vorfahren, zum Glück für uns entwickelte sich der Ort seit fast 100 Jahren nun zum stillen Landstädtchen, das selbst im Bombenkrieg kein lohnendes Ziel bot. Lediglich das Rathaus wurde getroffen.

Nach dem Krieg diente die intakte Infrastruktur als Auffanglager für mehr als eine Millionen Vertriebene. Viele blieben bis heute und zählen zu den 21.500 Wipperfürthern.

Ein hübscher Stadtkern, eine ganze Reihe von Sehenswürdigkeiten und ein touristisch ergiebiges Umland - all das bietet Wipperfürth heute. Ich bin herumgeschlendert und habe eine Fülle entdeckt.

Etwa den typisch bergischen Markplatz. Wie die gesamte Innenstadt entspricht er der Grundrissstruktur aus dem 14. Jahrhundert. Die ältesten Häuser der Stadt blicken auf den achteckigen Basaltbrunnen mit dem Bergischen Löwen und der Stele mit der Engelbertusstatue.

Blick auf eine geordnete Welt

Unübersehbar ist auch der wuchtige Turm der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus. Erst bei einer Renovierung von 1870 verband er sich mit der romantischen Basilika. Die Kirche ist übrigens im Stadtwappen verewigt.

Über Schieferfassaden, weißen Fensterrahmen, grünen Schlagladen, Walm- und Krüppelwalmdächern erhebt sich der Klosterberg. Von dort lässt sich weit blicken. Zum Beispiel bis zur Freizeitanlage „Ohler Wiesen“, dem Hinterland, dem zwei Kilometer langen Trimmpfad (den es heute leider nicht mehr gibt) und dem Waldlehrpfad mit 250 Pflanzenarten.

Auf der Rückfahrt über die B 506 ziehe ich zwischen Kluse und Lamsfuß das Resümee meines insgesamt 140 km langen Ausflugs: „Wo die Wipper den Namen wechselt, ist nicht nur für die Wupper die Welt noch in Ordnung“.